„Wir wollen eine Atmosphäre schaffen, in der alle Spaß daran haben, sich weiterzuentwickeln.“

[19.07.2020] Der SC Leichlingen gibt sich derzeit ein neues Konzept für die Jugendarbeit, das aktuell mit den Trainern mit Leben gefüllt wird. Im folgenden Interview spricht Jugendgeschäftsführer Jan-Lucas Zimmermann, was sich im Fußball verändert und welche Ziele das Jugendkonzept des SC Leichlingen verfolgt:

Du spielst selbst seit fünfzehn Jahren Fußball. Was hat Dir beim Training immer am meisten Spaß gemacht?

Mir hat es immer am meisten Spaß gemacht, einen Ball am Fuß zu haben und zu spielen. Wenn man leidenschaftlich Fußball spielt, dann will man am liebsten immer den Ball, das ändert sich von klein zu groß eigentlich nie. Was auch immer eine große Rolle spielt, ist die Abwechslung. Ein Training muss Woche für Woche Spaß machen und auch mal Überraschungen bieten. Wenn ich genau weiß, was passieren wird, kann mir das zwar Sicherheit geben, es kann aber auch schnell langweilig werden.

Was hat sich im Fußball geändert, seitdem Du angefangen hast?

Im Fußball hat sich so einiges geändert. Alleine durch die riesengroße Interessengruppe, die der Fußball anspricht, ist er in den letzten Jahren auch immer mehr Gegenstand von wissenschaftlichen Studien und Untersuchungen geworden, die sich mit der Trainingslehre gerade auch bei Kindern auseinandersetzen. Es wird versucht, ein „ideales Training“ zu zeichnen. Diese Einflüsse finden auch immer mehr den Weg in den Amateurbereich. Viele Trainer bilden sich privat weiter und nutzen dazu die Möglichkeiten, die ihnen das Internet bietet. Für den Verein wird es daher immer wichtiger, die ganzen Erkenntnisse zu bündeln und ihnen damit eine Richtung für die Entwicklung des Vereins zu geben.

Aber nicht nur was die Trainingslehre angeht, hat sich der Fußball verändert. Gerade viele Amateurvereine haben mit der Konkurrenz durch Computerspiele und neue Medien zu kämpfen. Als ich angefangen habe (was ja nun auch noch nicht so lange her ist), stellte sich für uns kaum die Wahl, zum Training zu gehen oder vor der Playstation sitzen zu bleiben. Es gab auch schon beides, aber der Stellenwert war einfach ein ganz anderer. Bei vielen Kindern ist das auch heute noch so, aber diese Konkurrenz spüren gerade die Vereine an der Basis. Letztendlich muss diese Entwicklung also auch als Ansporn verstanden werden, das Training für alle so attraktiv zu gestalten, dass die Entscheidung dann doch wieder zu Gunsten des Fußballs fällt.

Der SC Leichlingen gibt sich derzeit ein neues Konzept für die Jugendarbeit. Was ist der Grund dafür?

Wenn man in dieser Zeit auch morgen als Verein weiter attraktiv sein möchte, dann muss man einen Plan verfolgen und etwas anbieten. Viele Vereine machen das bereits, wir sind hier in Leichlingen mit Sicherheit keine Pioniere auf diesem Gebiet.

Wir haben ein unglaublich großes Potenzial dadurch, dass wir „unten in der Stadt“ der einzige Fußballverein sind. Manchmal haben wir uns vielleicht ein wenig zu lang darauf ausgeruht. Auch wenn wir weiterhin in allen Jahrgängen noch gut besetzt sind, spüren wir die Konkurrenz zu anderen Angeboten, über die ich gerade gesprochen habe. Deshalb wollen wir allen, die für den SC Leichlingen täglich auf dem Platz stehen, einmal eine neue Perspektive zeigen, um besser planen zu können.

Mit dem neuen Konzept wollen wir attraktiv für alle werden: Spieler, Trainer, engagierte Eltern und auch Sponsoren. Wenn wir neue Ziele formulieren, müssen wir alle mit einer neuen Portion Motivation ausstatten; wir müssen alle an uns arbeiten, mal eine andere Perspektive einnehmen und damit in Leichlingen die Voraussetzungen weiter verbessern, erfolgreiche Arbeit im Jugendbereich zu machen.

Aber es kommen jetzt nicht plötzlich neue Leute in den Verein und fangen an, irgendetwas zu verändern oder irgendwen zu ersetzen. Wir setzen auf alle, die schon lange mit uns auf dem Weg sind und versuchen, Raum für Reflexion zu schaffen. Wichtig dabei ist, dass wir versuchen, mit allen, die Teil des Vereins sind, ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln und gemeinsam etwas Neues aufzubauen. Es geht zuerst vor allem auch darum, dass wir uns gemeinsam für eine Idee begeistern und Schritte vereinbaren, sie entsprechend unserer Möglichkeiten umzusetzen.

Du hast selbst in den vergangenen Jahren Erfahrungen in einem Fußball-Nachwuchsleistungszentrum gesammelt. Wie unterscheidet sich das Training dort vom Training in Leichlingen

Wenn man die ganzen infrastrukturellen und organisatorischen Unterschiede mal beiseite lässt, dann ist, glaube ich, der größte Unterschied, dass die Jungs, die bei uns im NLZ zum Training kommen, genau wissen, dass sie dort sind, um Fußball zu spielen und besser zu werden. Jedes Kind, das dort zu uns kommt, hat ein klares Ziel und ist bereit, dafür unglaublich viel zu trainieren und an sich zu arbeiten.

Im Durchschnitt ist die Motivation bei einem Spieler in Leichlingen eine ganz andere. Natürlich möchten auch hier die Spieler den größtmöglichen Erfolg mit ihrer Mannschaft erzielen, aber viele sind dafür nicht bereit, diesem Ziel alles andere unterzuordnen. Die Prioritäten liegen also anders; sie kommen aus Freude am Fußball und wollen dabei ihre Freunde beim Training treffen und Spaß haben. Der Leistungsgedanke ist also oft eher untergeordnet. Das ist auch gar nicht schlimm; man muss nur wissen, wie man als Trainer darauf reagieren kann und wie man die Waage hält zwischen einem Training, das die Entwicklung der ambitionierten Kinder fördert, und einer lockeren Atmosphäre, die alle gerne kommen lässt – auch wenn sie vielleicht nicht so talentiert oder leistungsbereit sind.

Interessant ist allerdings, dass die Kids sich trotzdem oft entsprechend der in sie gesetzten Erwartungen entwickeln. Gerade Kinder wollen vor Aufgaben gestellt und herausgefordert werden; traut man ihnen das zu und fördert diesen Entwicklungsdrang von Anfang an, dann entwickeln sich die Eigenschaften, die wir bei unseren Jungs im NLZ feststellen auch bei den Jungs in der Jugendabteilung vom SCL. Schafft man also eine Begeisterung für die nächste Trainingseinheit bei den Kindern zu entfachen, dann hat man schon einiges erreicht.

Im Breitensport haben wir ehrenamtliche Trainer, oft sind es Väter, die sich bereit erklären zu helfen. Wie können sie mit den aktuellen Anforderungen Schritt halten?

Davon lebt ein Verein wie der SC Leichlingen natürlich und so soll es auch, wie ich oben beschrieben habe, weiterhin bleiben. Wir sind darauf angewiesen, dass engagierte Menschen aus dem Umfeld der Spielerinnen und Spieler sich bereit erklären, für eine oder mehrere Saisons die Mannschaft zu leiten.

Wir wollen ihnen allerdings in Zukunft erleichtern, sich im Trainingsalltag zurecht zu finden und ein altersgerechtes Training zu gestalten. Wichtig dabei sind vor allem die Trainerabende, die wir in Zukunft anbieten werden und an denen jeweils immer Themen besprochen werden, die das aktuelle Trainingsgeschehen betreffen. Wir wollen das Grundrüstzeug bieten, das den Einstieg erleichtert.

Als Verein müssen wir eine Atmosphäre erreichen, in der sich jeder gerne selbst reflektiert und in der jeder von dem Wissen des anderen profitiert. Ich glaube, so schaffen wir es, dass auch alle Schritt halten können und wir unterwegs niemanden verlieren.

Unabhängig davon unterstützen und fördern wir auch weiterhin jeden interessierten Trainer beim Erwerb seiner DFB-Lizenzen und begrüßen es, wenn sich die Trainer bei uns dazu entscheiden.

Wo siehst Du die Jugendarbeit des SC Leichlingen in fünf Jahren?

Die Änderungen, die wir einführen, zielen nicht auf die Zugehörigkeit zu bestimmten Ligen oder auf schnelle Erfolge in einzelnen Spielergebnissen. Wichtiger ist, dass wir eine Atmosphäre schaffen, in der alle Spaß daran haben, sich weiterzuentwickeln. Eltern und Spieler sollen wissen, warum sie bei uns spielen und nicht nur, weil es praktisch ist. Das schließt natürlich auch ein, dass Spieler, die einmal da sind, auch im optimalen Fall bei uns bleiben und sich bei uns weiterentwickeln, es sei denn es wäre ein richtig großer Schritt zu gehen. Auch das gehört natürlich zu einer guten Jugendarbeit; es sind immer mal wieder auch Kinder dabei, die für andere, „größere Vereine“ interessant sind.

Für uns steht die Entwicklung des Spielers, der Spielerin im Mittelpunkt; Sie sollen bei uns die Möglichkeit bekommen, über alle Jahrgänge hinweg kontinuierlich gefördert und besser werden zu können. Hier unterlagen wir in der Vergangenheit zu häufig Schwankungen in einzelnen Jahrgängen. Mit einer klaren Zielvorgabe der zu erlernenden Fähigkeiten in bestimmten Altersgruppen wollen wir unseren Trainern die Möglichkeiten geben, diesen Schwankungen entgegen zu wirken.

Außerdem wollen wir wieder mehr Trainer aus den eigenen Reihen gewinnen – etwa aus den älteren Jugendjahrgängen – und attraktiv für Trainer sein, die sich weiterentwickeln wollen. Durch regelmäßige und zeitgemäße Angebote zur Fortbildung, die über die Saison verteilt sein werden, wollen wir diese Entwicklung fördern.

Schaffen wir es, jeden einzelnen von uns weiterzuentwickeln und diese positive Atmosphäre zu erreichen, dann wird sich „sportlicher Erfolg“ auch einstellen. Aber das geht nicht auf Knopfdruck, eine solche Entwicklung braucht Geduld.

Vielen Dank für das Gespräch

 

Jan-Lucas Zimmermann ist Jugendgeschäftsführer des SC Leichlingen und hat das Konzept mit der Jugendleitung erarbeitet. Seit 2005 ist Jan-Lucas beim SC Leichlingen aktiv, hat selbst alle Jugendteams als Spieler durchlaufen und seit 2010 auch als Trainer bis zur C-Jugend Talente entwickelt. Außerdem arbeitet er im Nachwuchsleistungszentrum von Fortuna Düsseldorf. Beim SC Leichlingen spielt er in der 1. Seniorenmannschaft und stieg mit ihr gerade in die Kreisliga A auf. Derzeit bereitet er sich außerdem auf den Abschluss seines Lehramtsstudiums für Englisch und Geographie an der Universität zu Köln vor.

Das Gespräch führte Reinhold Rünker, der selbst seit 2013 verschiedene Jahrgänge im SC Leichlingen trainiert.